Die Grosse, 28.6.-4.8.25, Nrw-Forum

1. malerei als skript von und für Prozesse

Die Malerei ist da.

Sie hängt, ausgebreitet auf drei nummerierten Blättern im NRW-Forum am Ehrenhof, in Düsseldorf. Ihr aktueller, konzeptueller Rahmen ist die Ausstellung DIE GROSSE.

Die drei Papiere haben aus meinem Atelier heraus die Jury durchlaufen und sich einen Weg an die Wand des Museums geschlängelt.

Jetzt sind sie mit einem Blick zu erfassen.

In der Mitte der Hängung verläuft ein Riss durch die Wand.

Von oben nach unten, erinnert an einen Blitzschlag.

Es handelt sich hierbei um einen Zufall, dem ich gerne zustimme. 

 

Der Blitzschlag ist eine intensive Entladung von Hochspannung zwischen Wolken und Erdboden.

Der Blitz kann metaphorisch für die plötzliche Idee stehen.

 

 

 

 

Das schnelle Visualisieren, und das langsame Begreifen in der Zeit ist etwas, was mich nachhaltig beschäftigt.

Im Buch von Rüdiger Sünner über Beuys gibt es dazu einen wunderbaren Text:

Hindemith über musikalische Einfälle
Hindemith über musikalische Einfälle

Wie wäre es, Malerei als Skript wahrzunehmen, für eine Aufführung, für Betrachtungen, die sich in der Zeit entfalten.

Sie selbst ist das Produkt eines lebendigen Prozesses.

 

"Und der Rest ist Schweigen" heißt es bei Hamlet, nachdem alles durchgespielt wurde.

 

 

 

 Durch die Begegnung, durch das, was wahrnehmbar ist und das was im Betrachter, im Raum passiert, beginnt der zweite lebendige Prozess der Malerei

2. Malerei und sprache/ malerei und spielerischer Realismus

Malerei und Sprache bilden ein Spannungsfeld.

Malerei ist bei mir ein nonverbaler Raum, sie bewegt sich im Bereich der Körpersprache.

 

Die verbale Sprache - im Titel - bringt eine begriffliche Zeichnung mit ins Bild, die darüber schwebt, sich andockt, einen Subtext, der im Kästchen an der Wand daneben zu lesen ist, oder auch nicht.

Die handschriftliche Sprache bewegt sich paralell zur Malerei, sie dokumentiert Alltag, Realität, Vermischung von Erzählsträngen.

 

Das Bild schweigt, eine Partitur, die gespielt werden kann. Ein Objekt, das einlädt, ein Tor, das einen Raum eröffnet.

                    

 

Malerei kann in Ruhe lassen, dort wo es Überreizung gibt und Informationsfluten.

Sie wartet auf die Neugier einer lauschenden Betrachtung. 

 

Die Haltung des Lauschens spielt eine Rolle

 

Um das Bild zu spielen, bringen wir es wieder in Zeit, Leben und Bewusstsein.   

 

Zuerst erwartet eine visuelle Dynamik den Blick.

Gibt es Figuration?

Eine Abbildung von gegenständlichen, visuellen Inhalten ist nicht direkt lesbar.

 

Und wenn wir Figuration so verstehen, dass das, was eingesetzt ist, für etwas anderes steht, was nicht sichtbar ist ?

 

Dann besteht die Figuration hier aus Pinselstrichen, Schüttungen, Farbkontrasten, Polaritäten in Material und Farbe.

 

 

 

Die Gegenständlichkeit, die in einem abbildenden Gemälde als dargestelltes Objekt lesbar ist, besteht hier aus dem Material selbst.

Hier haben wir einen Raum, der die Realität selbst in farbigen Substanzen handeln lässt.

 

Material, Handwerk, Subjekt trifft sich auf der Bühne der Gegenwart und der Aufmerksamkeit.

Zu sehen sind:

Zitroniges Gelb, pastös und transparente, flüssige, sich selbst in zufällige Formationen sedimentierende Gelbfluten, aktiviert durch helles Violett - und das Ocker, erdig, krümelig, als gesetzte Ballung.(1)

 

 

 

Malachit-grün, knollig, darüber warmes modriges Braun, durchleuchtet und Orange. Helles Blau.(2)

Energische Pinselstriche in warmem Ocker, die blaue und rote Schüttungen von transparenter Farbe einrahmen. Dunkelheiten, Zeichenhaft aquarelliert.(3)

Die Konstellationen von Farbe im Rahmen des Formats triggern sich gegenseitig, Schauspieler auf einer Fläche.

 

 

 

Das Formprinzip ?

Wie wäre es, wenn die Setzungen aus Farbe einzelne Akteure wären.

 

Das Geschehen im Format wird davon bestimmt, wie sie in die Welt

und aufeinander horchen.

Zuerst im Rahmen des Aufmerksamkeitsraums der Malerin und dann in der Aufmerksamkeit des Betrachters.

Flussgeister, Oktober 2024, Montlobier
Flussgeister, Oktober 2024, Montlobier

Die Akteure sind jetzt die einzelnen Formen im Bild. Sie haben verschiedene Möglichkeiten sich zu äußern:

sie dürfen im Farbkreis wählen, in der Licht und Leuchtkraft der Farben. 

Sie dürfen in der Körperlichkeit von Farbe handeln, in ihrer Pastosität, Flüssigkeit, in ihrem Auftrag aus Geste. Sie folgen ihren eigenen Gesetzen und den Bewegungen, die ich, die Malerin

- die Puppenspielerin - ihnen gebe.

Meine Aufmerksamkeit im Moment ist in Beziehung mit dem Material und dem Bereich der Ideen in meinem Bewusstsein, der Assoziation, des symbolischen, visuellen Denkens. Meine Hände führen aus.

Ein Spiel.

 

Trulla und Lieschen, Steine aus der Loue, kurz nach dem "Ursprung der Welt" Courbet
Trulla und Lieschen, Steine aus der Loue, kurz nach dem "Ursprung der Welt" Courbet

Was mich daran fasziniert: Mein Handeln in der Welt verläuft jetzt durch diesen Trichter der Gegenwart. Eine dünne Schicht von Gegenwart, durch das ich meine Vergangenheit in die Zukunft schleuse, als biografischen Moment, als Autorin des Zeitraums, als Einladung an andere, auch durch dieses Gegenwartstor zu gehen. Die getroffene Formulierung auf dem Blatt ist das Dokument davon, und bleibt, immer wieder als visuellen Gedankengang benutzbar.

Eine Formel ?

 

zu Besuch bei Beatrix Sassen
zu Besuch bei Beatrix Sassen

Die fertigen Bilder begeben sich ab jetzt in unterschiedliche Situationen, Rahmenbedingungen, Begegnungen, als einmal aufgegabelte Frage, als Haken, als Magnet: und verbindet den Moment mit neuen.

 

Was habe ich mit Dir zu tun ?

Was hat die Situation der Entstehung des Bildes mit der neuen Situation seiner Aufführung zu tun ?

Die Sprache im Titel, als Realismus des Bildes:

Gemengelage im Oktober 2024, 1,2,3

Die Gemengelage ist eine unübersichtliche, komplexe Situation. Sie ist von einer Vielzahl von herausfordernden Faktoren, Interessen, Konflikten gekennzeichnet, und einer unbegreiflichen Dynamik.

 

Eine Gemengelage ist ein Übergangszustand, der zu einer Auflösung strebt.

 

Das Gegenteil einer Gemengelage ist eine klare, übersichtliche Situation, ein Ruhezustand.

Skizzenbuch
Skizzenbuch

3.überlegungen zu zeit und gegenwart

Die Gegenwart ist die schmale Schicht, in der Vergangenheit und Zukunft zusammentreffen. In der die Dinge materiell sind.

Nur hier? Ist das Material von Morgen schon da? Die Vergangenheit, existiert sie materiell?

Hier und jetzt ist die Welt taktil und kann behandelt, begriffen werden, jetzt kann ich Material spüren und bewegen.

Aus der Vergangenheit und der Zukunft kommen Impulse für das Handeln in der Gegenwart, mein Bewusstsein bündelt sie.

Meine Praxis und Erfahrung, eingeübte Verhaltensmuster kommen aus der Vergangenheit.

das Zukünftige kommt auf mich zu, als großer Frageraum, als Möglichkeit. Als Licht.

 

 

Skizzenbuch
Skizzenbuch

Malerei hat Schichten. Hier die Arbeiten haben jeweils nur eine Schicht. Sie sind schnell gesetzt. Schnell hintereinander, wie wenn das eine Blatt eine Schicht des vorherigen ist.

 

Malerei ist eine Praxis. Sie verläuft hier wie ein musikalischer Gig, eine Session, eine 

Séance, ein Improvisationstheater - in einem zeitlichen Ablauf mit Spannungskurve, einer Probe, einer Aufführung.

 

Beim Trickfilm ist jedes Blatt ein Schritt, ein Minischritt in der Bewegung einer Dynamik, die von etwas herrührt und in sich die Bewegungsrichtung enthält.

 

So schrauben sich die Blätter voran, hören einem Gedankenbogen zu, versuchen, sich in die komplexe Architektur der Gegenwart einzuklinken und mit Ihr zu schwingen.

Malerei wird zu einem Instrument. 

 

Wie verhalten sich musikalische Prozesse und bildnerische Prozesse zueinander ?

Skizzenbuch
Skizzenbuch

4.Malerei zwischen Konstruktion und Improvisation

 

Die Malerei vollzieht sich in drei Schritten:

Erster Schritt: Das Einatmen, das Ansammeln von Welt, in ihrer Realität

Was ist Realität ? Wie verläuft sie ?

Realität ist das, an dem ich nicht vorbeikomme, was mich einholt, was wichtig ist, wofür ich gerade stehen muss.

Diese Inhalte fürchte ich zu verpassen, wenn ich mein Atelier im Elfenbeinturm der puren Farbe einrichte. Landschaft und Stoff, Unlösbarkeiten, Lebensprozesse, Wirksamkeit, Verantwortung, Menschen, Vielschichtigkeiten, Lust und Schmerz, Verwaltung und Bürokratie. Wie ist diese Zeit ? Wer sind die Akteure ? Wie können wir Räume gestalten ? Wie fühlen, denken, handeln wir ?

Ich baue mir Situationen, um Fragestellungen zu vertiefen, um aus Begegnungen mit anderen meinen Blick auf die Welt zu erweitern.

 

 

 

Diese temporären Räume, raum-zeit-skizzen, werden von Notizen in Skizzenbüchern begleitet.

ähnlich wie beim Aktzeichnen tauche ich durch die Handschrift tief in das Geschehen ein und suche das Potenzial der Situation.

Dann kann ich es komplett loslassen in seiner Gegenständlichkeit.

Ich weiß : später ordnet sich das Material nonverbal in Farbe im Atelier. Reduziert sich.

 

 

Die Praxis der Malerei verschafft wieder Raum im vielgestaltigen Gerümpel der Welt, sortiert, filtert, bewundert.

Dieses atmende Hin und Her zwischen Fülle und Leere, zwischen Purismus und Chaos, zwischen Platz schenken und Platz einnehmen ermöglicht im bildlosen, wortlosen Malprozess Formulierungen jenseits meiner mich einengenden Muster aus Lieblingsfarbe, Lieblingsform, Konvention.

 

 

 Sie macht neugierig auf mehr Welt, pflegt die fragende Haltung gegenüber der Perspektiven anderer- im Gegensatz zu einer übersättigten wissenden erklärenden - ermöglicht immer neuen Sog und Vakuum, Räume der Aufmerksamkeit, die ich anderen als fragende , neugierige Gastgeberin anbieten kann. Wer bist Du eigentlich, was weisst Du, was ahnst Du - ist was mich am meisten interessiert

Pferd am Mahnmal für den ersten Weltkrieg, la Somme
Pferd am Mahnmal für den ersten Weltkrieg, la Somme

Zweiter Schritt : Loslassen, vergessen, Pause, Nichts

 

 

 

Dritter Schritt:

Das leere Blatt und die malerische Improvisation

Die eigentliche Malerei entsteht wie eine musikalische Improvisation. Auf einem leeren Blatt. Ohne Vorgabe, ohne Plan.  Es beginnt mit Leere und manchmal mit dem unruhigen Bedürfnis nach Klärung von Spannungszuständen. Etwas will sich zusammenbrutzeln, verdichten, bündeln. Sichtbar werden.  Die Gegenwart kann aus sehr unterschiedlichen Erzählsträngen bestehen. Woraus speist sie

sich? Welche Formprinzipien gibt es?

 

de radice, Atelierwand, Oktober 2024
de radice, Atelierwand, Oktober 2024

Die Gegenwart hat Anteile, in dem, was sich um mich herum abspielt, und Anteile, die im Off wirken. Im räumlichen oder im zeitlichen Off. Sie kann sich harmonisch und ruhig, oder dringend und in großer Anspannung vollziehen. Es gibt lustvolles und schmerzhaftes, drängendes, schleppendes, fließendes, hämmerndes, flirrendes, bohrendes, hüpfendes, sehnsüchtiges, gelangweiltes - was in den Moment wirkt. Die Malerei ist Hingabe und direktes Umsetzen in Farbe und malerischen Handlungen. Sie strebt eine Einheit an, in der Spannungen und Unvereinbares eine Formulierung erhalten. Wenn der Prozess beendet ist, ist sie Dokument einer konkreten, wach duchlebten Gegenwart. Der Prozess kühlt ab, sie versinkt in Schweigen.

 

 

 

Dann: wieder erster Schritt. ein Walzer.

fazit

 

Es gibt am Rhein bei Grietherort das Büro zum Verschicken von geheimen Botschaften per Flaschenpost. Ein Bild in die Welt stellen bedeutet, eine Flaschenpost zu verschicken.

Ich weiß nicht, wer sie findet und ihre Botschaft empfangen kann. 

Ich werfe sie in den Fluss und übergebe sie dem Strom der Zeit.